Wie es an Bahnhöfen schreit

 

Es ist interessant wie es an Bahnhöfen schreit, auch wenn es ganz still ist.

Die Automaten schreien:
„Leer mich, kauf bei mir ein!“

Schokolädchen und Plätzchen schreien:
Kauf mich, Iss mich, werd' fett!“

Unruhige Reisende, schauen von ihrer Fahrkarte zur Bahnhofsuhr und schrein:
„Hilf uns!“
aber nicht zu laut, weil sonst ja vielleicht noch einer kommt und es tut.

Die Bahnhofsbediensteten schreien:
„Lass uns in Ruhe, wir haben heute schon genug Service geleistet!“
Und ein paar schreien auch:
„Frag mich!“
aber nicht zu laut, weil es dann ja vielleicht einer tut, der eine Frage hat, auf die sie keine Antwort haben.
Sie schreien also:
„Brauch mich, aber stell mich nicht bloß!“
das schrein die, die wenigstens manchmal für die Kunden da sind.

Aber es ist das ohrenbetäubende Schreien der Fressalien, dass mir keine Ruhe lässt.

Die Currywurst schreit: „Lecker!“
der Apfel: „Gesund!“ und weil alles um mich herum unüberhörbar  zu schmatzen und zu fressen scheint, gerate auch ich in Versuchung. Bis eben hatte ich keinen Hunger. Auch jetzt haben ich keinen. Aber was mich anfliegt, ist Appetit, wie man so schön sagt. Doch es ist nur die pure Lust in etwas reinzubeißen. Meine Zähne in etwas zu schlagen, dass mir Widerstand bietet, aber nicht zuviel. Etwas, das ich beißend besiegen kann.

Eine Reminiszenz an die graue Vorzeit, wo ich das noch gemacht habe, wo ich Kehlen durchbiss und meine Zähne in weiches lebendes Fleisch schlug. Tiefer und tiefer, bis ich das Blut zwischen den Zähnen schmecken konnte. Einem atavistischen Saugreflex folgend, trinke ich das Blut meines Opfers. Und mit einem mal offenbart sich mir der Mythos des Vampirs. Ich sehe Kehlen und Schlagadern vor mir und ich beiße und sauge, was ich kann, als ginge es um mein Leben.

Aber es geht um das Leben der anderen. Blutüberströmt jaule ich meine Lust zwischen den Bissen in die Nacht. Fern und Nah kommt eine Furcht auf, vor dem der beißt. Der da faucht und sich nimmt wonach es ihm gelüstet und jault vor Lust. Ich kann fühlen, wie sie sich fürchten. Zu einer trete ich ganz nahe heran. Sie hat ihre schwarzen Haare hinten zusammengebunden. Ihr schneeweißer Hals liegt vollkommen frei.

Ich lehne mich leicht nach vorne, ihre Augen werden erwartungsvoll größer. Ich öffne meinen Mund, ganz leicht nur, so daß die Zähne noch nicht zu sehen sind. Während ich die dunkle Ader auf ihrem hellen Hals fixiere, da wo das Leben in ihren Schädel pocht, trete ich noch näher heran. Ihre Augen und ihre Körperhaltung zeigen mir, dass sie in diesem Moment alles für mich tun würde. Ich genieße das Gefühl der Macht und sage: „Eine Currywurst bitte.“ Sie nickt freundlich und weiß, dass das Schreien wieder einmal gesiegt hat.


Du kannst alles erreichen was du willst ...
Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.

Last update: 7.9.2017