Macht und Ohnmacht in Gemeinschaft

(english version below)

 

Schon im Studium habe ich mich mit dem Thema, Autorität, Macht und Herrschaft beschäftigt. Seit ich in Gemeinschaft lebe, ist dieses Thema noch einmal näher an mich herangerückt. Es geht nicht mehr um die akademischen Fragen wie Macht entsteht und was Herrschaft legitimiert. Vielmehr geht es darum in konkreten Strukturen mit Machtunterschieden klar zu kommen und bestehende Probleme auf dieser Basis zu klären.

 

In diesem Zusammenhang fühle ich mich in der Gemeinschaft immer mal wieder genauso ohnmächtig, wie in der normalen Gesellschaft. Ich glaube dann, ich sei nur ein einsamer Rufer in der Wüste, der nichts verändern kann. Unter dem Gesichtspunkt, dass die Grundgesamtheit in der Gemeinschaft wesentlich kleiner ist, als in der ganzen Gesellschaft, müsste meine Stimme hier ein größeres Gewicht haben.

Hat sie wahrscheinlich auch. Einer von 90 (im Zegg), ist doch mehr als einer von 80 Millionen (in Deutschland). Aber das heißt nicht, dass ich mich auch so fühle. Was ich zu mir selbst sage, ist von besonderer Bedeutung in dem Zusammenhang, wie mächtig ich mich fühle.

 

Besonders aufgefallen ist mir dies, als wir in unsere Gemeinschaft eine kleine Küchenkrise hatten. Wir sind hier so organisiert, dass jeder in einer Kochgruppe ist, die jeweils einen Tag in der Woche fürs Kochen und spülen in der Küche zuständig ist. In jeder Gruppe sind ungefähr zehn Personen und sie verteilen untereinander dann die Dienste, die zu machen sind. Wenn Menschen die Gemeinschaft verlassen bzw. neue hinzukommen, versuchen wir es immer so zu gestalten, dass die Personenanzahl der Kochgruppen in etwa gleichblieben. Durch größere Fluktuationen war es aber dazu gekommen, dass sich in einer Kochgruppe nur noch 5 Personen befanden und sie damit nicht mehr arbeitsfähig war. Sie waren nicht mehr in der Lage, dass Pensum zu bewältigen, was zu bewältigen war. Das heißt sie schafften es schon noch irgendwie mit heldenhafter Selbstaufopferung, aber es war ziemlich ungerecht, da die Menschen in gut besetzten Kochgruppen, wesentlich weniger arbeiten mussten.

 

Es war uns also klar, dass diese Gruppe zusätzliche Personen brauchte. Die Versuche von anderen Gruppen Personen abzuwerben scheiterten. Teils weil die Menschen ihre vertraute Gruppe nicht verlassen wollten, teils weil man in der Gruppe befürchtete dann ihrerseits zu wenige zu sein. Es war uns klar, dass wir eine Lösung nur mit der gesamten Gemeinschaft herbeiführen konnten. So beriefen wir ein Plenum ein, das versuchen sollte eine Lösung für dieses Problem zu finden. Ein Plenum ist in unserer Gemeinschaft ein Treffen zu dem alle Gemeinschaftsmitglieder eingeladen sind und an dem die Anwesenden berechtigt sind eine Entscheidung zu fällen.

 

Zum Plenum waren nicht alle da. Das kommt häufiger vor in unserer Gemeinschaft, denn hier leben vielbeschäftigte Menschen. Wir entschieden die Kochgruppen einmal aufzustellen. Also stellten sich alle Menschen zusammen, so wie sie derzeit in den Gruppen aufgeteilt waren. Die Namen der fehlenden Menschen schrieb man auf Zettel, die man an die entsprechenden Stellen legte. Es wurde sofort offensichtlich, dass eine Gruppe viel kleiner war als alle anderen. Die Versuche Leute so hin und her zu schieben, dass alle Gruppen gleich viele Personen hatten, scheiterten wie vorher, aus denselben Gründen.

 

Ich hielt mich aus dem Ganzen heraus. Ich dachte, ich könnte nichts zur Lösung beitragen. Meine Kochgruppe war noch groß genug. Ich war zwar nicht wirklich gerne in dieser Gruppe, aber es störte mich auch nichts Besonderes. Ich wollte vor allem nicht in eine kleinere Gruppe hinein. Als die Situation ausweglos erschien, fühlte auch ich mich ohnmächtig etwas zu tun. Allerdings sagte ich, einem spontanen Impuls folgend: „Ich würde eigentlich gerne mit den Menschen kochen, die ich mag.“ Die Äußerung wurde wohlwollend aufgenommen. Niemand hatte jedoch eine Idee, wie uns diese Ausrichtung einer Lösung näherbringen sollte. Der ganze Prozeß war ins Stocken geraten.

 

Da offensichtlich nichts mehr half und es auch nicht so weitergehen konnte, wie es war, beschlossen wir auch verrückte Lösungen in Betracht zu ziehen. Es war ja so, dass jedem das Problem bewußt war, es niemanden gab, der die Macht hatte, es durch Anweisung von oben vom Tisch zu fegen, bzw. jemanden dazu zu zwingen die Gruppe zu wechseln. Also sagte eine Kommunardin: „Ich fand die Idee, die der Markus gesagt hatte ganz interessant.“ Ich fand es interessant, dass sie es als Idee bezeichnete. Also solche hatte ich meine Aussage gar nicht gesehen. Ich hatte eigentlich ‚nur’ meine Bedürfnisse ausgedrückt. Dem Gesamtprozeß wollte ich damit nicht im Weg stehen. Doch mit einem Mal kam mir, dass ich dem Gesamtprozeß wohl damit im Weg stand, dass ich meine Bedürfnisse nicht formulierte, nicht voll und ganz für das ging, was ich wollte.

 

Unterstützt durch die Äußerung meiner Genossin, besann ich mich darauf, für meine Bedürfnisse zu gehen. Das kann man getrost Empowerment zur rechten Stunde nennen, denn der Fortgang des Plenums gab ihr recht. Ich sah mich im Raum um. Leider waren alle, mit denen ich gerne in einer Gruppe wäre, grade nicht da. Allerdings lagen ihre Namen auf Zetteln geschrieben herum. Ich fasste also meinen Mut, meine Autorität und meine Macht zusammen und nahm mir einfach die Zettel, die ich wollte und legte sie um mich herum. Flugs war eine neue Kochgruppe gegründet und ich war zwangsläufig ihr Foculizer. Die restlichen Menschen, inklusive Zetteln die noch übrig waren, fanden sich schnell zu weiteren Kochgruppe zusammen und zwar ohne größere Probleme.

 

Für mich war dieses Erlebnis ein Beweis für mehrere Weisheiten, die etwas darüber aussagen, wie Gemeinschaft funktioniert.

Erstens: Wenn jeder für sich selbst sorgt ist für alle gesorgt.

Zweitens: Jeder kann etwas zur Lösung beitragen, auch wenn er es nicht denkt.

Drittens: Manchmal braucht es einen Stups von außen, damit du tust, was du ohnehin tun willst.

 

Der geschilderte Prozeß liegt jetzt ungefähr 3 Jahre zurück und unsere Kochgruppen funktionieren immer noch tadellos. Für mich ist der Prozeß immer wieder Zeichen, dass wenn man in unserer Gemeinschaft etwas will und die Zeit gekommen ist, man sie auch vollends umkrempeln kann. Wir sind offen und frei genug dafür, auch verrückte Lösung umzusetzen.

 

 


 

 

 

Power and Powerlessness in Community

By Markus Euler

 

In university I was already keenly interested in issues of power and authority, but my studies of these topics have become much more real since I started living in community. Now, rather than focusing on academic questions such as how power comes into existence and what legitimizes authority, I care more about coming to terms with power differences in specific structures and clarifying existing problems on this basis.

 

In this context, sometimes I feel just as powerless in my community as in normal society. At these moments, I think I am just a lonely voice crying in the desert with no power to change anything. Taking into account thatthe population in the community is much smaller than in the society as a whole, my voice should have more weight here.


And probably it does. One out of 60 (in ZEGG) is certainly more than one out of 80 million (in Germany). But that does not mean that I actually feel this way. What I say to myself is important in relation to how powerful I feel.

 

I noticed this when we had a small kitchen crisis in our community. We are organized so that every community member belongs to a cooking group which is in charge of the kitchen once a week.Each group has about 10 people who distribute among themselves whatever tasks have to be done. When new members arrive, or old members leave the community, we always try to ensure that the number of people in cooking groups remains the same. However, because of a big fluctuation, it once happened that only five members remained in one of the cooking groups and could therefore no longer handle the workload efficiently. They were still somehow able to keep things running through heroic self-sacrifice, but it was pretty unfair since people in well-staffed cooking groups had to work significantly less.

 

Though it was obvious to all that this group needed more people, attempts to lure members from other groups failed. This happened partlybecause people did not want to leave their familiar group and partly because the other groups feared that they would become too small. It became clear to us that we could come to a solution only with the entire community. Thus, we called for a Plenum in order to try to resolve this problem. In our community, a Plenum is a meeting to which all community members are invited and where all those who attend are entitled to make a decision.

 

Not everybody was present at the Plenum. This happens very often in our community, since our members are usually very busy. We decided to set up our cooking groups in the room. Thus, all those who belonged to a cooking group stood together and the names of the missing people were written on slips of paper and placed at the appropriate groups. It became immediately obvious that one group was much smaller than the others. The attempts to shift people back and forth so that all groups could have the same number of members failed once more, for the same reasons as before.

 

I kept myself out of the whole process. I thought I could not contribute anything to the solution. My cooking group was still big enough. Although I was not really happy in this group, there was nothing that particularly bothered me. Above all, I did not want to move to a smaller group. When the situation started looking really hopeless, I felt powerless to do anything. At some point, however, following a spontaneous impulse, I said: “I would really like to cook with people I like.” The statement was well received, but still no one had any idea how it could bring us closer to a solution. The whole process had come to a standstill.

 

We were all aware of the problem, but there was no one who had the power to solve it by commandment—for example, by compelling some members to change groups. Since it was clear that nothing had helped, and also that things could not continue as they were, we decided to start considering crazy solutions as well.

 

Then a community membersaid: “I think Markus’ idea is really interesting.” I actually found it interesting that she described my statement as an idea, as I myself would have never perceived it as such. I had simply expressed my own needs, but did not wish to stand in the way of the overall process. But all at once it occurred to me that it was actually by not expressing my needs and by not going fully for what I wanted that I had stood in the way and inhibited the problem-solving process.

 

I would call this empowerment at the right time, and what happened next showed that she was right to support me as she did.

 

I looked around the room. Unfortunately, none of the people that I would have liked to have in my group were present. (It seems to me that I like busy people.) However, their names were written on slips of paper. So I plucked up all my courage, authority, and power and I simply took the papers I wanted and put them around me. Immediately, a new cooking group was formed and I was inevitably its manager. The remaining people, including the papers with names that were left over, quickly found their way to other cooking groups without any major difficulties.

 

For me, this experience proved several truisms that one hears again and again in communities.


First: If everyone takes care of oneself, then everyone is taken care of.


Second: Everybody has something to contribute to a solution, even if she or he does not think so.


Third: Sometimes it takes a nudge from the outside, so that you do what you wanted to do anyway.

The process I just described took place about two years ago and our cooking groups still work perfectly. For me, this process symbolizes that when someone in our community wants something and the time is ripe for it, then things can change completely.

 

We are open and free enough to implement even crazy solutions.

 

 

Markus Euler lives in the ZEGG Community near Berlin (www.zegg.de). He works there as an accountant and a workshop leader. As a writer he publishes articles about several issues, including community, money systems, love, and relationship.


Du kannst alles erreichen was du willst ...
Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.

Last update: 29.3.2017