Macht, Herrschaft und Autoriät

 

1.    Eigenmacht

Macht bedeutet immer auch Eigenmacht. Wenn sich jemand aufschwingt aus eigenem Interesse etwas zu tun, handelt er aus eigener Macht. Diese Macht ist zunächst etwas Willkürliches. Niemand gibt anfangs die Macht, wenn man sie sich nicht selbst nimmt. Allerdings ist der Begriff ‚eigenmächtiges Handeln‘ heutzutage oft von einer negativen Konnotation begleitet. Wenn jemand die Handlung eines anderen als eigenmächtig bezeichnet, so bedeutet dies meist den Vorwurf, das jener eigentlich nicht die Macht hätte haben dürfen, so zu handeln. Ihm wird das Recht auf diese Handlung abgesprochen. Dieses Recht ist nichts anderes als die institutionalisierte Form von Macht. Habe ich das Recht etwas zu tun, heißt dass nichts anderes, als das mir von anderen via Gesetz die Erlaubnis gegeben wird, diese bestimmte Macht auszuüben. Auf dieses Recht, diese Macht, die mir gegeben wurde, kann ich mich auch berufen, wenn ich sage:

Das ist mein gutes Recht.

 

2.    Macht und Verantwortung

Anders sieht es aus, wenn ich eine Macht außerhalb von einer gesetzlichen Regelung besitze. Als Beispiel mag hier der erste Spiderman Film taugen, da hier einem jungen Mann (Peter Parker) spezielle Kräfte verliehen wurden, die ihm eine besondere Macht geben. Allerdings sagt sein Onkel zu ihm in einer Szene:

Große Macht, bringt auch große Verantwortung.

Peter will die Belehrung nicht hören und tut sie mit einer Handbewegung ab. Später bereut er es. Sein Onkel wird von einem Gangster getötet, den er zuvor aus Arroganz laufen ließ. Da begreift er, welche Verantwortung seine neuen Kräfte mit sich bringen und beschließt diese einzusetzen, um Menschen zu helfen. Nun ist es aber nicht nur so, dass Superhelden besondere Kräfte haben, sondern jeder Mensch hat eine bestimmte Begabung eine besondere Macht, die er zum Wohle der Menschheit einsetzen sollte. Da ist es an der Zeit eigenmächtig zu Handeln, was in diesem Sinne durchaus positiv gemeint ist.

 

Auch in einem anderen Filmepos heißt es ja:

Möge die Macht mit euch sein.

Hier geht es um ein spirituelles Fluidum, das die ganze Welt durchdringt und von besonders fähigen, den mächtigen Jedis genutzt werden kann. Allerdings zeigt uns dieses Epos, dass es auch die andere, dunkle Seite der Macht gibt. Für mich nicht wirklich nachvollziehbar, denn eigene Macht zum tiefsten und eigenen Nutzen eingesetzt, kann meiner Ansicht nach nur etwas Positives bewirken. Die andere Seite zeigt sich nur, wo man sich eben machtlos fühlt.

Und so wird Aniken Skywalker ja auch gerade dann von der andere Seite erfasst, als er sich hilflos mit dem Tod seiner Mutter konfrontiert sieht. Aber anstatt dieses einfach als gegebene Tatsache zu akzeptieren, schlachtet er einfach den ganzen Volksstamm dahin, der für den Tod seiner Mutter verantworlich war.

Die Macht das zu tun, was er sich wünscht, nämlich seine Mutter wieder zum Leben zu erwecken oder damit in Frieden zu sein, hat er eben nicht. So gibt es nur Macht und Ohnmacht.

 

Tatsächlich hat man immer die Macht,

wenn es auch nur die Macht ist,

die Dinge so zu akzeptieren wie sie sind.

 

Fühlt man sich ohnmächtig, entarten alle Gewalten, die man in seinem Körper beherrbergt und man tut Dinge, die man eigentlich nicht will. Aber man hat nicht mehr die Macht zu steuern, man läßt sich von seinen Trieben bestimmen und ist nicht mehr Herr im eigenen Haus, eben nicht mehr eigenmächtig. Skywalker muß dies am Ende des Films noch erkennen. Als er gegen den mächtigen Count Duko kämpft, greift er aus Wut zu früh und überhastet an und muß dafür mit dem Verlust seines rechten Armes bezahlen.

Wenn wir also unseren Körper noch beisammen halten wollen. Sollten wir auch unsere Gefühle und Gedanken noch zusammen halten, damit sie uns nicht auseinander reißen. Und vor allem müssen wir uns der Macht, die wir haben und der damit einher gehenden Verantwortung immer bewußt sein.

 

3.    Wie entsteht Macht oder kann Macht entstehen?

Macht bezeichnet immer die soziale Beziehung von Menschen in welchen es einen Machtausübenden und einen Unterworfenen gibt. Voraussetzung ist hierbei nicht immer reale logisch einsehbare Überlegenheit. Es scheint viel­mehr oft ein absurder Vorgang zu sein in dem sich eine Minderheit gegen den Willen einer Mehrheit durchsetzt.

Wie entsteht eine Überlegenheit?

 

Heinrich Popitz beschreibt in seinem Buch “Phänomene der Macht”(2. Aufl., Tübingen 1992) im Abschnitt Prozesse der Machtbildung, wie ein solcher Prozeß abläuft. Er wählt hierfür 3 Beispiele - die Passagiere auf einem Schiff, ein Gefangenenlager und eine Erziehungsanstalt. Diese wählt er aus, weil es “kasernierte Vergesellschaftungen”(ebenda S.187)  sind, man sich ihnen also nicht durch Flucht o.ä. entziehen kann und weil “alle Beteiligten, aus den üblichen Bindungen weitgehend gelöst, gleichsam mit leeren Händen hinein­kommen.”(ebenda)

Ich will hier nur auf eines der Bespiele näher eingehen. Nämlich auf die Machtbildung auf einem Schiff.

Grundsätzlich ist Machtkonkurrenz ja immer aus der Konkurrenz um ein gewisses Gebrauchsgut gegeben. Man will den eigenen Einfluß auf ein Gebrauchsgut vergrößern oder die Möglichkeiten des Zugriffs von anderen vermindern. In unserem Fall nun sind die Gebrauchsgüter Liegestühle, die auf dem Schiff nur in begrenzter  Zahl vorhanden sind. Jeder hat Interesse sie zu nutzen, aber keinem gelingt es, sie für sich zu beanspruchen. Sind alle Liege­stühle belegt bekommt man keinen mehr und man nimmt sich umgekehrt jeden der gerade frei ist. Belegsymbole um sich ‘seinen’ Stuhl zu sichern wurden nicht anerkannt.

Als nun am nächsten Hafen neue Passagiere an Bord genommen wurden änderte sich diese relativ freie Ordnung. Die Neuankömmlinge beanspruchten die Stühle als ihren Besitz. Ihren Anspruch machten sie geltend durch “Posen, Gesten und Geschrei”(ebenda S.188) derer, die da waren und die Liegestühle bewachten derer, die gerade ihren Anspruch nicht vertreten konnten. “Die Abschreckungsaktionen waren so eindrucksvoll, daß ein handgreiflicher Konflikt nicht zustande kam.”(ebenda)

Die Drohung mit Gewalt ist wirksamer, als die tatsächliche Anwendung. Sie ist ein wesentlicher Faktor jeder Machtbildung.

Was war geschehen?

Zunächst stellte eine Gruppe einen Anspruch auf exklusive Verfügungsgewalt über “ein allgemein begehrtes Gebrauchsgut”(ebenda). Sie setzte diesen Anspruch durch Abschreckungsaktionen durch, damit hatten sich zwei Klassen gebildet: “Besitzende und Nicht-Besitzende.”(ebenda S.189).


 

Wie geschah nun diese Bildung?

Und warum erwies sie sich im Folgenden noch als stabil?

Popitz nennt hierfür zwei Gründe.

 

  1. Gegenseitige Anerkennung Legalitätswirkung

Zum einen schufen sich die Besitzenden untereinander durch gegenseitige Anerkennung ihrer Ansprüche so etwas wie Legitimität. Popitz zitiert hier Max Weber, der von einem Legitimitätsanspruch der Herrschenden gegenüber einem Legitimitätsglauben der Beherrschten spricht. Hier begann jedoch alles mit einem Legitimitätsanspruch der Besitzenden, der zunächst untereinander aner­kannt wurde. “Ich erkenne nicht nur meinen Anspruch an, sondern auch den Anspruch des anderen, der meinen anerkennt.”(ebenda S. 198) Dies geschah sehr schnell, da “soziale Barrieren ...zunächst gerade nicht zu überwinden” (ebenda S.199)waren. “Es handelt sich um einen internen Vorgang innerhalb der Gruppe der primären Legitimitätsinteressenten.”

 

  1. Überlegene Organisationsfähigkeit

Zum andern war ihr Ziel klarer, als das der anderen Passagiere. Ihr Ziel war, ihren Anspruch geltend zu machen. Gegenseitig unterstützen konnten sie sich dadurch, dass sie den Anspruch eines anderen in dessen Abwesenheit geltend machten. Damit waren das Ziel und die Unterstüzungsmöglichkeiten klar, im Gegensatz zu den restlichen Passagieren, die nur ihren Liegestuhl für sich wollten.

Popitz erklärt ferner warum auch gemeinschaftliche Ansätze der Nicht-Besit­zenden nur schwer möglich wären. Eine Sache nicht zu wollen, nämlich die Liegestühle zu besetzen, ist weitaus schwerer durchzusetzen, als sie in Beschlag zu nehmen. Hier stimme ich nur teilweise überein, aber dieser Faktor korreliert mit dem eingangs genannten klareren Ziel der neuen Passagiere.

 

Was wollen die anderen Passagiere?

a) Das immer ein Liegestuhl für sie übrig bleibt.

Dann sollten sie sich wohlmöglich der neuen Gruppe anschließen.

b) Das die Liegestühle immer frei verfügbar sind, wie am Anfang.

Das wäre nur durch eine dauerhafte Präsenz sicherzustellen.

Außerdem müsste man sich beständig mit den neuen Passagieren lautstark und energieraubend auseinandersetzen, was den Urlaub vermiesen würde.

Ich selbst habe die Theorie, dass eine gründliche Auseinandersetzung und eine Anrufung einer höheren Autorität (wie etwa des Kapitäns) die Sache auch zur Zufriedenheit der Unterlegenen würde regeln können. Habe aber auch vollstes Verständnis dafür, dass man den Absprung dahin nicht packt und dann in der sich bildenden Herrschaftsstruktur gefangen bleibt.

 

Der Machtzuwachs der einen resultiert also oft auch aus der Ignoranz oder der Trägheit der anderen. Von den Machtausübenden ist wiederum ein gewisses Maß an Selbstsicherheit gefordert, wobei ihre Macht genau dann endet, wenn sie Macht über jemanden ausüben wollen, der eben diese Selbstsicherheit selbst besitzt. Der wird dann nämlich einfach den Liegestuhl besetzen egal was die Bewacher sagen. Solch eine Selbstsicherheit zu besitzen ist sicher ein großes Ziel für uns alle, aber bis dahin ist es auch ein weiter Weg. Selbstsicherheit zu finden und aufzubauen ist nicht eben leicht.

 

Dies zeigt sich auch daran, dass es viel einfacher ist jemand anders Macht zu entziehen, als sie selbst zu übernehmen. Aus jemandem die Luft rauslassen geht relativ einfach, wenn man ihn in unfairer Weise angeht. Leider ist diese Art des Machtentzugs gerade in der alternativen und Gemeinschaftsbewegung weit verbreitet. Allein der Wahlspruch ‚keine Macht für niemand‘ führt nur dazu, dass sich letztlich alle ohnmächtig fühlen und diese Ohnmacht speist wieder irgendjemand, der dann einfach daher kommt und sich die Macht aneignet. Die umgedrehte Formulierung ‚jede Macht für alle‘ kann auch keine Befriedigung bringen, spricht sie doch Menschen Macht zu, mit der jene eventuell gar nicht umgehen können. Eine zeit- und sinngemäße Umformulierung des Schlachtrufes könnte ‚jedem seine Macht‘ sein. Nämlich eben die Macht, die wir brauchen, um uns wohl zu fühlen und mit der wir auch umgehen können.

Jedem von uns wohnt eine natürliche Macht inne.

Diese zu entdecken und zum Wohle aller auszuüben, ist unsere Bestimmung.

Wir sollten und weder mehr Macht aneignen, noch für weniger Verantwortung übernehmen.

 

Innerhalb von Familiensystemen ist diese Macht eine virtuelle Größe, die durch die Autorität der einzelnen Familienmitglieder generiert wird. Hier gibt es weibliche oder männliche Macht.

Weibliche Macht muss nicht unbedingt von einer Frau ausgeübt werden, noch männliche Macht von einem Mann. Die beiden Adjektive beschreiben eher die Qualität der Macht, als das  Geschlecht, der Machtausübenden.

 

Die weibliche Qualität könnte eine bewahrende sein.

Während die männliche Qualität mehr eine erobernde ist.

Zur Stabilisierung von Macht braucht es immer beides.

 

Man kann immer unterscheiden zwischen Machtziel und Machtmittel, wobei die Grenzen zwischen den beiden verschwimmen können. Sex kann zum einen ein Machtziel sein, weil man Geld und Zeit dafür einsetzt, um daran zu kommen. Auf der anderen Seite kann Sexentzug aber dann dafür eingesetzt werden, um andere Dinge, vielleicht wiederum Geld, zu erhalten.

So haben Sex und Geld in diesem Beispiel ihre Rollen als bzw. getauscht.

 

Beispiele für Machtmittel und Machtziele:

 

Machtmittel

Machtziel

Lautstärke

Sex

Sex entzug

Egobeweihräucherung

Kraft, Gewalt

Geld

Argumente

Entscheidungsgewalt

Inteligenz

Materielles

Techniken

Gesellschaft

sex. Angebote

Geschenke

Prominenz

Wohlbefinden

Geld

Ansehen

Engagment

Pride / Stolz

Mut

Profit / Gewinn

Bestimmtheit

Pleasure /Wohlgefühl

Hierarchie

Peace / Zufriedenheit

Tradition

 

 

Zum Weiterdenken:

 

Wie ermächtige ich andere?

Welche Macht habe ich?

Wo habe ich Macht?

Welche Machtmittel stehen mir zur Verfügung?

Wofür will ich meine Macht einsetzen?


Du kannst alles erreichen was du willst ...
Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.

Last update: 29.3.2017