Intimität statt Polyamory

Ich will Intimität

oder

Warum ich kein Polyamorist bin?

„Wie geht’s deiner Freundin?“ Mein Großvater stellte mir diese Frage gerne. Ich war dann in der Not ihm zu erklären, dass ich nicht nur eine Freundin habe. Mein Opa hat dann meistens gelacht und abgewunken. Ich war nicht in der Lage ihm zu erklären, warum ich so lebe. Vielleicht konnte oder wollte er es auch einfach nur nicht verstehen.

Wenn ich heute mit Menschen darüber rede, wie ich lebe, werde ich oft in eine Ecke gestellt. Diese Ecken, in die ich immer wieder gestellt werde, haben verschiedene Titel. Mal werde ich als näheflüchtiger Swinger gesehen, dem es um möglichst viel Sex geht. Mal als Träumer, der eine weltabgewandte Vision leben will.

In letzter Zeit aber, finde ich immer öfter ungewollte Akzeptanz für meinen Lebensstil.

Dann wird davon gesprochen, dass jeder nach seiner Facon glücklich werden sollte, dass ich so leben könnte, wie ich wollte und dass da ja nur Menschen mitmachen müssten, die das auch wollten. Und wenn das geschieht, dann weiß ich, ich stehe in der Polyamory-Ecke. Polyamory hat sich in der letzten Zeit immer mehr durchgesetzt als Bezeichnung für Menschen die mit mehreren Partnern leben wollen.

Diese Bezeichnung, sowie die Polyamory selbst, wird mittlerweile immer mehr von der Gesellschaft anerkannt. Wenn man sich früher noch hinter vorgehaltener Hand über diese oder jene Künstler das Maul zerriss, die andere Beziehungsformen als die monogame Zweierbeziehung lebten, so spricht man mittlerweile immer offener über offene Beziehungen und Mehrfachpartnerschaften. Es scheint so zu sein, dass die polysexuelle Lebensweise bald ebenso anerkannt wird, wie die homosexuelle. Wurde eben noch gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften, vom Gesetzgeber gleichgestellt, so werden jetzt Mehrfachpartnerschaften in der neuen multikulturellen Gesellschaft hoffähig und sicherlich auch bald rechtlich abgesichert. In Filmen und Fernsehserien werden ähnliche Themen immer öfter aufgegriffen. Zudem scheint es in der Polyamory-Bewegung auch den Wunsch nach einer solchen gesellschaftlichen und rechtlichen Anerkennung zu geben.

Ich war 2009 in Nevada zum Burning Man Festival und hatte mein Zelt im Polyparadise Camp aufgeschlagen. Für alle die Burning Man nicht kennen, das ist ein Festival, dass einmal jährlich in der Wüste von Nevada stattfindet. Dort kann man sich verschiedenen Gruppen anschließen, die verschiedene Themen verfolgen. Im Polyparadies-Camp geht es um Partnerschaften zu mehreren Menschen und über diese Lebensform wird einmal täglich bei Tee und Keksen beim Poly-High-Tea diskutiert. Andere Menschen vom Festival kommen zu dieser Veranstaltung und hoffen etwas über diese Lebensform zu erfahren. Was für mich als Fazit aus den Diskussionen blieb, an denen ich teilnahm, war:

Klar muss man sich in Partnerschaften absprechen.

Wenn mehr Menschen dazu kommen halt ein bisschen mehr.

Ich habe vernünftige und verantwortungsvolle Menschen dort kennengelernt, die ihre Vorstellung von der Welt mutig in dieser Art von Lebensmodell umsetzten. Und bei aller Bewunderung für ihr Engagement auf ihre eigene Art zu leben und Anerkennung zu erhalten, muss ich doch sagen:

Ich teile diese Ziele nicht.

Ich will keine Anerkennung von der Gesellschaft, ich will eine andere Gesellschaft.

Ich habe die Lebensform der Gemeinschaft gewählt, damit ich mit meinen Freunden Zeit verbringen kann. In dieser Zeit will ich Beziehung, Partnerschaft und Intimität aufbauen. Zu vielen Menschen in meiner Gemeinschaft pflege ich intime auch sexuelle Kontakte. Da ich diese Menschen im alltäglichen Zusammenleben immer wieder sehe, kann ich mir Zeit lassen die Beziehung aufzubauen, die sich für mich stimmig anfühlt. In diesem Sinne ist unsere Gemeinschaft für mich ein Modell für eine Gesellschaft, in der andere Dinge zählen als Geld und Status. Die Gemeinschaft stellt für mich eine Mikro-Gesellschaft dar, die es mir ermöglicht meine zwischenmenschliche Bedürfnisse so zu erfüllen, wie es mir gut tut und ich meine Einsamkeit nicht mit Konsum kompensieren muss.

Wenn ich das Bedürfnis nach Nähe und Intimität habe, kann ich hier direkt mit meinen Freunden sprechen oder mir die körperliche Nähe holen, die ich brauche. Natürlich funktioniert das lange noch nicht so perfekt, wie ich es mir erträume und es ist auch nicht immer jemand für mich da. Doch immerhin so oft, dass ich es genießen kann und mein Schokoladenkonsum langsam zurückgeht. Dabei ist es für mich besonders wichtig, alle diese Bedürfnisse nicht nur auf einen Menschen zu richten, denn ich kann davon ausgehen, dass diese Person nicht immer Zeit haben wird. In meiner Gemeinschaft gibt es ein ganzes Spektrum von Freunden, mit denen ich mich über meine Probleme austauschen kann und die mir eine Umarmung geben, wenn ich sie brauche.

Was einen Kontakt für mich freudig und befriedigend macht, wird aus zwei Quellen gespeist. Diese zwei Quellen sind wie zwei Pole auf einer Skala. Zum einen ist ein Kontakt zu einem anderen Menschen für mich interessant, wenn dieser Mensch mir vollkommen fremd ist. Wenn ich nichts von ihm weiß und mich neugierig auf das Abenteuer stürzen kann ihn kennenzulernen. In solchen Gesprächen mit neuen, fremden Menschen belebt sich mein Geist, mir kommen vielleicht neue inspirierende Gedanken, ich fühle mich voller Energie und Tatendrang.

Auf der anderen Seite bin ich von Begegnungen zutiefst beglückt, in denen ich einen alten Freund treffe. Wir kennen uns schon sehr lange. Sofort haben wir eine Nähe miteinander, die mich wärmt. Wir können uns unsere geheimsten Wünsche erzählen und sind erfüllt und befriedigt von der Intimität, die wir teilen.

Mir geht das übrigens auch im Sex so. Eine neue Frau kennenzulernen kann aufregend und belebend sein, weil alles so neu und fremd ist. Genauso wie der Sex mit einer langjährigen Freundin mich zutiefst glücklich machen kann, weil ich mich in eine Nähe und Vertrautheit fallen lassen kann. Leider ist es in Beziehungen -gerade in offenen- oft so, dass einer der Partner einen dieser Pole vertritt und dann oft in Streit mit dem Gegenüber kommt, der gerade lieber den anderen Pol ausleben würde. Er will sich ins Getümmel der Welt stürzen und Neues erleben, während sie lieber die Nähe mit ihm vertiefen will.

Vielleicht ist das ja nicht mal ein so großer Unterschied.

Vielleicht kann ich beim Vertiefen der Nähe mit meiner Partnerin sie völlig neu entdecken.

Vielleicht kann sie, wenn sie sich für andere öffnet erkennen, wie frei sie sein kann und gleichzeitig doch nah bei sich selbst und in jedem Kontakt, so auch in dem mit mir.

Vielleicht widersprechen sich die beiden Pole nicht.

Vielleicht sind sie nicht Punkt am Ende einer Skala, sondern spannen als x- und y-Achse ein Koordinatensystem der Möglichkeiten auf.

Ich glaube ein Kontakt ist nicht entweder fremd oder vertraut, sondern er hat immer beide Dimensionen in sich. Natürlich ist der Aspekt der Fremdheit bestimmender bei neuen Kontakten, als bei alten Freunden. Doch dann und wann lerne ich auch neue Menschen kennen, die mir ganz vertraut erscheinen, obwohl ich sie noch niemals gesehen habe. Ebenso wie umgekehrt mir vertraute Freunde eben gerade darum, weil sie vertraut sind, nach einer langen Zeit mit einer Facette ihrer selbst herausrücken, die ich noch gar nicht kenne.

(Manchmal rücke ich auch mit einer Facette meines Selbst heraus, die weder ich noch der Andere kennen.)

Diese Menschen sind mir dann sehr vertraut, aber auch sehr fremd. Das kann ich nur dann erfahren, wenn ich mir mit diesem Menschen Zeit lasse. Wenn wir über eine bestimmte Zeit den Alltag miteinander teilen. Wenn wir zusammen leben.

Das ist ein Grund warum ich in einer Gemeinschaft lebe, um diese Tiefen der Intimität mit anderen Menschen zu kreieren. Da meine Gemeinschaft gleichzeitig noch ein Seminarzentrum betreibt, bin ich in der glücklichen Lage auch immer wieder mit neuen Menschen in Fremdheit zu forschen. Ich möchte keine dieser beiden Dimensionen missen. Ich genieße es, dass ich in meiner Gemeinschaft dieses Feld der Möglichkeiten aufspannen und sowohl mich selbst als auch andere darin erleben kann.

Und noch etwas anderes habe ich erkannt. Es scheint so etwas zu geben wie einen Rhythmus des Kontakts. In meiner Gemeinschaft habe ich einmal entdeckt, dass ich mich mit bestimmten Menschen in nahezu immer den gleichen Zeitabständen traf. Es dauerte bei verschiedenen Menschen unterschiedlich lange bis ich sie wieder treffen wollte. Den einen wollte ich zweimal die Woche sehen, den anderen einmal im Monat. Es gab sogar Begegnungen, die ziemlich genau einmal im halben Jahr stattfanden. Ich rede hier natürlich nicht von den alltäglichen Begegnungen, bei denen man sich einen Moment sieht grüßt und dann seiner Wege geht. Ich meine intensive, freundschaftlich intime Begegnungen, die wir zwar vereinbart hatten, die aber schon auch immer wieder diesem Rhythmus unterlagen.

Mich solchen -meiner Empfindung nach- natürlichen Rhythmen wieder anzunähern, ist ein tiefer Wunsch von mir. In unserer modernen Gesellschaft, wo eher äußere Rhythmen unser Leben bestimmen, fällt es mir schwer glücklich zu sein. Als erfüllend erlebe ich es, wenn ich meinen inneren Rhythmen, den Rhythmen des Lebens folgen kann. Wenn ich spüren kann, dass es grade richtig ist mit dieser Person Kontakt zu machen und ich mir keine Gedanken darum machen muss, ob es in meine Terminkalender passt. Wenn ich überhaupt erst einmal die Zeit dazu habe meinen Rhythmus mit einer anderen Person herauszubekommen, weil wir uns die Zeit dazu nehmen. Dann stellt sich bei mir jenes tiefe Gefühl der Verbindung ein, das für mich die Voraussetzung für ein glückliches zufriedenes Leben ist.

Natürlich wird in meiner Gemeinschaft das Leben auch immer wieder von Terminen bestimmt. Gleichzeitig haben wir aber auch ein Ohr offen für Dinge, die darüber hinausgehen. Für den Rhythmus des Kontaktes, für die Bedürfnisse der Einzelnen, die nicht unbedingt immer mit dem Terminkalender zu fassen sind. Auch wenn es immer mal wieder geschieht, dass ich meinen Tag vollkommen verplane, so bin ich doch darauf ausgerichtet, dass ich Luft für Pausen und Zwischenräume habe, die ich mit meinen Freunden zur Vertiefung nutze.

Intimität ist im Gegensatz zu Terminen natürlich nichts, was man planen kann. Aber man kann sie rausplanen. Indem man sich den Tag so mit Terminen vollstopft, dass kein Raum mehr für spontane Begegnungen bleibt. Will man Beziehungen und Freundschaften Raum geben, muss man Luft und Licht an seinen Tag lassen und somit die Basis legen für Begegnungen, die bald auf einer anderen Ebene schwingen können, als normal.

Diese Art von Begegnung, diese Qualität von Beziehung will ich in meinem Leben nicht für einen Menschen alleine aufsparen. Das wäre zum einen kontraproduktiv, denn ich habe mehr als einmal erlebt wie Intimität dahinstirbt, wenn man sie exklusiv einsperrt. Zum anderen erlebe ich mit verschiedenen Menschen immer wieder andere Qualitäten, die mir die Beziehung zu einem einzigen Menschen so niemals geben könnte. Diese Erfahrungen befruchten auch immer wieder die anderen Partnerschaften, die ich habe, weil sie mich zu einem anderen Menschen machen. Einem Menschen, der auf einer neuen Ebene fühlen und wahrnehmen kann.

Für meinen Großvater war der Versuch, dies alles mit meiner Großmutter zu leben, wahrscheinlich schon vor meiner Geburt gescheitert. Wahrscheinlich hat er schon früh erkannt, dass er nicht alles was er leben wollte, mit meiner Großmutter leben konnte. Weil er sie aber geliebt hat und sich nicht von dem Konzept der monogamen Zweierbeziehung lösen konnte, hat er resigniert diesem Entwurf zugestimmt und eine bestimmten Teil seiner Seele für die Dauer seiner Ehe begraben. Da meine Großeltern 70 Jahre verheiratet waren kann man getrost sagen, für immer. Ich will ihnen da nichts vorwerfen, sie wussten es nicht besser und haben sicherlich das Beste daraus gemacht und waren zudem noch tolle, liebevolle Großeltern. Doch ich hätte ihnen mehr Glück und Erfüllung in ihrem Leben gewünscht, als es ihre Konzepte zugelassen haben.

Da sie mich in die glückliche Lage versetzt haben über den Tellerrand allgemeiner Konzepte zu sehen, probiere ich etwas Neues aus. Bei diesem Neuen geht es nicht darum eine quantitative Veränderung der Anzahl meiner Geliebten oder Liebhaber zu machen. Vielmehr strebe ich eine qualitative Veränderung meiner Beziehungen an. Darum geht es mir nicht um die Frage nach mono, poly oder solo. Ich will nicht zu Vielen, ich will in die Tiefe mit so vielen wie es sich stimmig anfühlt, weil das mir die Tiefe überhaupt erst ermöglicht.


Du kannst alles erreichen was du willst ...
Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.

Last update: 7.9.2017