Fußball und Liebe

 

Da wurde Fritz schlagartig bewußt, dass sie gewinnen könnten. Aber er musste auch an Karin denken. Um ihn herum tobte das Meer der Zuschauer. Es regnete tief in den Hexenkessel, in den sich das Stadion verwandelt hatte, hinein. Fritz dachte an den Regen, dessen Tropfen ihn damals auf der Waldlichtung getroffen hatten. Daran wie schön es mit Karin gewesen war. Selbst der Regen und die unverbindliche Trennung vermochten der Magie des Augenblicks nichts anzuhaben, an jenem Tag, da sie eng umschlungen auf der Lichtung eingeschlafen waren. Zunächst noch wärmte sie das Sonnenlicht. Doch dann beendete der Regen diesen Augenblick, setzte Millionen Schlußpunkte unter diesen Akt der Geschichte.

Jetzt war da wieder dieser Regen und diesmal konnte er sein Glück bedeuten. Seine Stollen durchpflügten den nassen Rasen. Wenn er dem Ball hinterherhetzte, musste er an sie denken. Nasser Dreck spritzte in alle Richtungen. Jetzt ein Pass, ja er war frei und konnte durchmarschieren. An der Strafraumgrenze lief Fritz auf den einzigen noch verbleibenden Verteidiger zu. “Hintermann”, als die gebellte Warnung sein Reaktionszentrum erreichte, war es schon zu spät. Der Ball wurde ihm vor den Füßen weggespitzelt. Er geriet ins Stolpern und fiel klatschend ins Wasser, instinktiv schloß er die Augen.

Vor seinem inneren Auge, sah er Karin. Wie schön sie war. Wie sehr er sie begehrte, immer noch, nach all der Zeit. Ihr Blick schien ihm auffordernd, auffordernder denn je. Er wollte auf sie zugehen, da ertönte ein Pfiff.

Fritz hob den Kopf aus dem Matsch und sah sich um. Da stand der Mann in schwarz und zeigte auf den Punkt. “Das war kein Elfmeter,” schoß es ihm durch den Kopf. Aber das hier war nicht irgendein Spiel. Es ging um den Aufstieg und um viel Geld. Er konnte diese Chance nicht ablehnen. Darüber hinaus stand dort zwischen den Pfosten des gegnerischen Tores Werner Karins Mann. Jener, der zwischen ihm und ihr stand. Wenn Fritz jetzt verwandeln könnte, dann könnte sich Einiges wandeln. Er schnappte sich den Ball, duldete keine Widerrede. Auch wenn es eine gute alte Regel war, niemals den Gefoulten schießen zu lassen. Es war nicht die Zeit für überkommenen Aberglauben, es war die Zeit für Handlungen und er war entschlossen zu Handeln.

Fritz plazierte den Ball auf dem Elfmeterpunkt, wo er Zentimetertief im Schlamm versank. Durch seinen Kopf strömten die guten Tips, die ihm Wilhelm sein Trainer immer gegeben hatte. Niemals in die Ecke schauen in die du Schießen willst. Such dir am Besten immer erst eine Ecke aus. Sie nicht in Richtung Tor. Vor allem bleib' ruhig. Ein Vorschlag den Wilhelm in dieser Minute nicht beherzigte. Er lief hektisch, wild mit den Armen fuchtelnd an der Auslinie herum, schrie wie ein Wahnsinniger. Der Trainer war wohl auch der Meinung Fritz solle nicht Schießen, aber mit der Sicherheit eines Stars setzte er sich über diese Widerstände hinweg.

Werner kam aus dem Tor auf ihn zu. Es war nichts ungewöhnliches daran, wenn Torhüter und Schütze vor einem Elfmeter ihre Psychospielchen miteinander trieben. Doch zwischen Fritz und Werner war es etwas Besonderes. “Wenn du drüber schießt, überlasse ich sie dir.” Fritz war wie vor den Kopf geschlagen. Er starrte in Werners Augen, der auf eine Antwort von ihm zu warten schien. Gleichzeitig sah er Karin vor seinem inneren Auge, spürte sein Begehren, den Wunsch mit ihr zusammen zu sein. Er dachte an ihre Schönheit und wie sehr sie sein Herz berührte. Und jetzt machte ihm der Mann, der noch zwischen ihnen stand, ein Angebot. Sollte er diese Chance vorüberziehen lassen? Ein leichtes Nicken in Werners Richtung genügte und dieser verzog sich wieder in sein Tor. Als ob der Regen die Spannung der Situation erkannt hätte, hatte er mit einem Mal aufgehört und auch das Grölen im Hexenkessel wurde leiser. Fritz stand noch am Ball und sah zu, wie sich Werner im Tor postierte. Von außen sah es so aus, als würde er grübeln, vielleicht die Ecke auswählen, aber etwas ganz anderes ging in ihm vor. Er wusste was zu tun war. Nichts mehr musste überlegt werden. Die Sekunden, die nun verstrichen, dehnten sich in seiner Wahrnehmung zu Jahrzehnten und schnurrten wieder zu Sekunden zusammen.

Er nahm ein paar Meter Anlauf, die Weichen waren gestellt. Er traf den Ball mit aller Wucht, er hatte Prioritäten gesetzt. Der Ball flog geradewegs aufs Tor zu, ein Mann muss tun was ein Mann tun muss. Unhaltbar in die recht obere Ecke, aus tausend Kehlen entrang sich ein Schrei:

Tor.


Du kannst alles erreichen was du willst ...
Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.

Last update: 7.9.2017