Dich alle liebe ich

Erstveröffentlichung in der Connection vom August 2009

Ich liebe.

Wen?

Das finde ich gar nicht so wichtig.

Dich, sie, viele, alle.

 

Ich würde gerne alle lieben, wenn ich könnte. Wenn meine Erziehung das zulassen würde. Aber leider bin ich in einer Umgebung groß geworden, in der mir immer wieder gesagt wurde, dass ich nur einen bzw. eine lieben kann.

 

Das heißt, richtig gesagt hat mir das eigentlich nie jemand. Es wurde mir irgendwie so vermittelt. In Filmen, Serien, Märchen, Romanen und sonstigen Medien wird ein Liebesbild vermittelt, das auf das 18. Jahrhundert zurückgeht.

 

Die Romantik hatte das Ideal der romantischen Liebe erfunden.

Eine Liebe zwischen einem Mann und einer Frau,

die Sinn und Inhalt des Lebens gleichermaßen darstellte.

Das einzige wofür es sich zu leben lohnte, so wollte man glauben,

sei diese Liebe.

 

Nun stimme ich mit Don Juan de Marco aus dem gleichnamigen Film überein, wenn er sagt, das Einzige wofür es sich zu leben und zu sterben lohnt, sei die Liebe.

Aber einschränkend möchte ich bemerken, nicht diese Liebe.

Die Vorstellung, man müsste nur das richtige Objekt der Begierde finden und dann seien alle Probleme gelöst, hat schon mehr Menschen unglücklich gemacht als irgendeine andere Vorstellung. Auch die neuzeitliche Erfindung an der Beziehung oder Partnerschaft zu arbeiten und der daraus folgende Glaube, man könne da etwas lernen und richtig machen, hilft nur teilweise weiter.

Denn wie schon Theodor Adorno wusste, gibt es ‚kein richtiges Leben im Falschen‘. Was hilft es da an Symptomen herumzudoktern, wenn dahinter ein nicht tragfähiges Konzept steht.

Mit anderen Worten, wie kann man glauben ein mit Liebe erfülltes Leben zu führen, wenn man nahezu alle Menschen auf diesem Planeten außer Einen ausschließt.

Das romantische Liebeskonzept will uns weiß machen es geht nur so.

Meine Erfahrung sagt mir etwas Anderes.

 

Ich war damals etwa 12 Jahre alt und hatte schon eine Freundin. Irgendwie hatte ich die Phase übersprungen in der man Mädchen blöd fand, ich fand Mädchen schon immer irgendwie gut und es wurde auch immer interessanter auf den Geburtstagspartys, wo uns die Eltern immer öfter uns selbst überließen. Ob sie ahnten, was bei uns abging oder ob sie dazwischen gegangen wären, wenn sie es gewußt hätten, was wir so trieben, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass bei uns alle Arten von Kontaktspielchen hoch im Kurs standen. Allem voran natürlich das allseits bekannte Flaschendrehen. Auf wen die Flasche zeigte, den musste man küssen. Erst auf die Wange, dann auf den Mund und später sogar mit Zunge.

Auch wenn wir nicht so ganz wussten wie das ging und versuchten die Zungen außerhalb unser Münder sich berühren zu lassen, was eklig war, riss die Faszination an derlei Spielchen nicht ab. Und irgendwann gab es immer irgendwo einen großen Bruder, der uns die Sache dann richtig erklärte. Es war einfach ungemein spannend in den folgenden Jahren, den Kontakt zu meinen Klassenkameradinnen zu vertiefen. Sicherlich hatte ich eine Freundin, die ich vielleicht ein wenig mehr als die anderen liebte, aber das verblendete mich nicht für die Erkenntnis, dass das Knutschen mit anderen auch Spaß machte, sowohl ihr als auch mir.

Aus irgendeinem Grund, wahrscheinlich weil wir noch nicht soviel über Liebe, Treue und Ehe nachgedacht hatten, pochten wir beide damals nicht auf Ausschließlichkeit. Natürlich hatte ich auch mal Angst, dass sie bei einem anderen bleiben würde, wenn dieser gut knutschen konnte. Aber die Erfahrung zeigte mir, dass sie immer wieder zu mir zurückkehrte, weil uns etwas verband, was über das Knutschen hinausging. So erlebte ich eine glückliche Jugend in einer Clique, in der es wild zuging und die einen gemeinsamen Boden der Verbindlichkeit hatte. Etwas, das wir vielleicht alle in unseren Elternhäusern vermissten.

Neulich bei einem Abitreffen traf ich eine Schulfreundin wieder die meinte, dass wir uns damals einfach ausprobiert hätten. Ich war der Meinung, das damals wäre das gesunde Leben gewesen und heute würden wir zu Verstellung gezwungen werden.

So können die Meinungen auseinandergehen. Genauso wie die Lebenswege. Meine Schulfreundin lebt jetzt im Vorgarten ihrer Eltern, wo sie mit ihrem aktuellen Freund ein Haus gebaut hat. Ich lebe in einer Gemeinschaft, die sich freie Liebe auf die Fahnen geschrieben hat. Ups und da habe ich es gesagt, dass Schlagwort dass immer gleich irgendwelche Vorstellung und falsche Projektionen auslöst. Freie Liebe. Viele Menschen setzen diesen Begriff mit freier bzw. wahllose Promiskuität gleich. Aber was ist es wirklich, besser gesagt, was meine ich damit.

Dazu muss ich wohl erst einmal erklären wie ich zu dem Thema gekommen bin. Ich hatte grade mit dem Studium angefangen. War mit Anja zusammen, wir hatten uns auf einem Urlaub in Südfrankreich kennengelernt, sie war die beste Freundin von der Freundin meines besten Freundes. Unsere Beziehung war tief und erfüllend, aber sie wohnte zehn Kilometer entfernt, so daß wir uns nicht so oft sahen. Im Studium lernte ich Dina eine junge Ägypterin kennen, die gleich neben dem Staatstheater wohnte. Im Theater jobte ich zu dieser Zeit als Statist und lernte hier Andrea kennen. Also man kann es sich schon denken, auf einmal war ich mit drei Frauen ‚zusammen‘ ohne, dass ich mir etwas böses dabei dachte. Damals hatte ich noch nicht den ideologischen Hintergrund, dass ich das aus Überzeugung heraus gut fand und auch wusste warum. Es war mir eher passiert. Aber außer, dass ich es manchmal schwierig in der Koordination fand, fand ich nichts Unrechtes dabei.

Viel später, als ich in einer abgesprochenermaßen offenen Beziehung lebte, ging meine Freundin einmal zu einer Wahrsagerin. Diese musste ihr mit Erschrecken mitteilen, dass ich auch etwas mit anderen Frauen hatte. (Was stimmte, was die Qualität der Wahrsagerin bestätigt) Noch bevor sie erkennen konnte, dass meine Freundin das kalt ließ, weil sie ja davon wusste, entdeckte die Wahrsagerin selbst: “... der meint's aber nicht böse.” (Was auch stimmte, was ihre Qualität noch mal unterstreicht)

Das tat ich auch zu keiner Zeit. Im Gegenteil konnte ich mir keinen Grund vorstellen warum ich nicht einfach mehr als eine lieben sollte. Doch nach mehreren Koordinations-schwierigkeiten, beschloß ich, mir mehr Gedanken um mein Beziehungsleben zu machen. Ich dachte darüber nach, wie denn die Menschen ihre Liebe leben. Nach außen hin gibt es immer nur einen. Aber es geht ja nicht nur um Taten, es geht ja auch um Gedanken. Frank Ramond dichtet im aktuellen Lied von Anett Louisan ‚Es ist passiert‘: ‚es ist wieder passiert, aber was wär' passiert, hätten wir’s nur gedacht, das wär' doch auch so, als hätten wir’s gemacht. Das wär' genauso, als hätten wir’s gemacht.‘

Also ich glaube, dass niemand mit absoluter Ehrlichkeit sagen kann, dass alle seine Begierden sich nur auf eine Person richten. Selbst meine Großmutter hat immer wieder mit der Formulierung: ‚... die hat den gern gesehen.‘ angedeutet, dass es dabei um mehr als gute Freundschaft ging. Und in einer Umfrage, die man mit ganz normalen Leuten von der Straße machte, waren sich jung und alt einig, dass sie es sich nicht vorstellen konnten 40 Jahre lang nur mit ein und derselben Person zusammen  zu sein. Und tatsächlich ist das ja auch in der heutigen Zeit niemand mehr. Was unter der Bezeichnung serielle Monogamie in die Umgangssprache ihren Einzug gehalten hat, ist für mich nicht anderes als freie Liebe, mit einer klaren Zeiteinteilung. Also Verschiedene ja, aber nicht zur gleichen Zeit.

Also entwickelte sich bei mir die These: Jeder macht freie Liebe. Freie Liebe zu leben ist gar nichts Revolutionäres. Zu allen Zeiten und in allen Gesellschaftsschichten wurde zur Seite oder sonstwohin gesprungen und weiß Gott nicht nur dahin geliebt, wo es von der Kirche erlaubt war. Freie Liebe ist von daher gar nicht ein so großes Tabu wie immer behauptet wird. Was das Tabu ist, so fand ich schnell heraus, ist darüber zu sprechen. Vordergründig gibt es das Dogma nur einen zu lieben und an dieser Fassade will man auch möglichst nicht rütteln. So lebt man ein Leben in Verstellung und verdrängt seine sexuellen oder Liebesgelüste in eine Gegend, wo man glaubt sie vergessen zu können, bis sie sich auf anderem Wege etwa als Aggression wieder Bahn brechen.

Mir ist übrigens bewußt, dass ich hier nicht trennscharf zwischen Liebe und Sex unterscheide. Das hat den Grund, das ich glaube, dass das gar nicht geht. Die sexuelle Liebe ist einfach nur eine Form der Liebe. Nicht die einzige, aber diejenige Form, die am meisten tabuisiert wird. Es ist nichts dagegen zu sagen, wenn man eine andere Person nur platonisch liebt. Dass ist sehr schön und wird in manchen Teilen der Gesellschaft auch hingenommen. Diese Liebe muss auch nicht sexualisiert werden. Wenn ich mir aber ansehe, wie viele Betrügereien innerhalb von Beziehung um die sexuelle Liebe herum gemacht werden, dann kann ich nur sagen ich wünsche mir freie Liebe. Was nicht heißt, dass man jedem sexuellen Impuls folgt, aber das man ihn wahrnimmt und damit ehrlich ist.

Das war es, was mich damals in meiner Clique begeistert hat und dass ist der Grund, warum ich heute im ZEGG lebe, wo die Frequenz der Sexualkontakte nicht mehr so eine große Rolle spielt, wo ich mich aber frei darüber austauschen kann, wo es mich hinzieht, auch wenn es grade nicht die Eine ist.

Und dann gibt es noch einen ganz anderen Aspekt, der mir beim Thema freie Liebe in den Sinn kommt oder bei der Aussage: Dich alle liebe ich.

Selbst wenn ich rein materiell nur mit einer Frau zusammen wäre, so wäre diese emotionell, energetisch und psychosexuell so wie so nicht immer die Gleiche. Das ist zumindest meine Erfahrung. Ich glaube immer ich wäre mit nur einer Frau zusammen, dabei sind es viele. Einmal ist es die starke Frau, die alles alleine kann, aber nur zu Besuch ist, um das kleine Mädchen zu schützen, dass sich grade nicht raus traut. Dann wieder walzt mich das lustvolle Weib nieder, scheinbar getrieben von ihren niederen Instinkten, nur auf der Suche nach tieferer und weiterer Wollust ohne Rücksicht auf feinere Umgangsformen, sich wie ein Stück gebärdend, dass nur genommen werden will, durchdrungen werden von meiner Geilheit. Aus diesem wohligen Sumpf erhebt sich die sinnliche Göttin, erstrahlt in ihrer ganzen Schönheit, jede ihrer Bewegungen ist Poesie, ihre Brüste verheißen spirituelle Wonne und alles an ihr ist heilig. Sie versteigt sich zur Unberührbaren, die nicht einmal angeschaut werden will, eine Einsiedlerin, die für sich allein glücklich und zufrieden ist. Nur um sich später bei einem guten Film bei mir einzukuscheln, wie eine gute Freundin, als wären wir schon 1000 mal so zusammen gewesen. Wenn ich mir dieses Sammelsurium der verschieden Frauen ansehe – und ich habe hier nur einen kleine Ausschnitt gegeben –, die alle nur eine sind, dann kann ich mit Fug und Recht sagen:

Dich alle liebe ich.


Du kannst alles erreichen was du willst ...
Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.

Last update: 29.3.2017