Bericht Seminar Übergänge und Zwischenräume


Es war soweit. Alle Vorbereitungen führten zu einem Start und dieser Start war jetzt. Alles geschieht eigentlich immer jetzt. Aber dieses Jetzt war jetzt ein besonderes Jetzt.

Und ich war aufgeregt. Aufgeregt wie beim ersten Mal und dieses Mal würde ja wirklich mein erstes Mal sein. Natürlich hatte ich ähnliche Dinge schon öfters getan, als ich war überhaupt nicht unerfahren, aber es war dennoch ein erstes Mal, ein besonderes erstes Mal.

Das erste Mal mit dieser Verantwortung, das erste Mal diese Zeit. Das Seminar sollte übers ganze Wochenende gehen und ich war verantwortlich dafür den Bogen zu halten. Zehn Menschen hatten sich angemeldet. Fünf Männer und fünf Frauen. Schon die Anmeldezeit war aufregend gewesen. Es hatte ein hin und her gegeben. Menschen hatten sich an und wieder abgemeldet und bis das Abendessen vor dem Seminar im Restaurant begann, hatte ich schon etliche Durchläufe durch und war durch, gar gekocht von dem vielen hin und her. Aber irgend etwas ließ mich die Ruhe behalten, meine Ausrichtung bewahren und das Seminar vorbereiten.

Ein Faktor, der mich beruhigte war, dass ich mit dem Unteren Seminarraum einen Wunschraum von mir für dieses Seminar bekommen hatte. Ein Faktor, der mich beunruhigte war, dass die Gruppe sehr heterogen zu sein schien. Einige Menschen, die schon lange Erfahrung mit Gruppen und mit dem Zegg hatten, sowie andere, die zum ersten mal hier waren. Die Eingangsrunde machte dies noch mal deutlich, aber ebenso deutlich war, dass mein Spruch von Silvester nicht nur auf meine berufliche Situation anzuwenden ist, sondern auch hier ganz toll passt:

Verschiedenheit muss kein Grund für Rivalität sein, sondern Ermutigung, auf dem eigenen Weg nicht stehen zu bleiben.

Theresia von Lisieux

So ermutigt stürzten wir uns oder ich sie mein Teilnehmer, die ich grade zu meinem Team gemacht hatte, in die erste Übung. Die Gruppe fühlte sich gut an. Auch wenn sie so heterogen war, so stellte doch der Ausgleich der Geschlechter eine angenehme Ausgeglichenheit her.

Ich startete mit meiner Standardanfangsübung, bei der ich mich immer wieder fast schäme, weil sie so einfach ist. Aber dennoch liegt soviel darin, beinahe das ganze Seminar. Wir stellen einen Zwischenraum her, oder besser wir machten ihn bewußt, in dem wir bewußt einen Übergang zwischen uns schufen.

Praktisch sah das so aus, dass eine Person stehenblieb, während die andere auf sie zuging und dabei schaute, dass sie die richtige Geschwindigkeit und Nähe fand. Auch und gerade wenn man die Übung von außen sieht, kann man sehen, dass verschiedene Menschen verschiedene Empfindungen und damit auch verschiedene Geschwindigkeiten haben. Aber auch, dass man sich immer auf sein Gegenüber einstellen kann. Auch ohne Worte, einfach nur indem man sich der Energie öffnet. Der eigenen Wahrnehmung für die andere Person.
Es bleibt dabei, die Übung ist so einfach, dass sie fast peinlich ist und man könnte sicherlich eine Doktorarbeit darüber verfassen, was wir aber an diesem Abend nicht mehr taten. Vielmehr ging ich noch in die Dorfkneipe, wo ich gemeinsam mit anderen den Abend ausklingen lies und den gelungenen Start feierte.

Wenn ich hier nicht spezieller über einige Prozesse schreibe oder schreiben werde, dann liegt das daran, dass ich die Privatsphäre meine Teilnehmer schützen will. Die Teilnehmer selbst werden in diesem Text eine schöne Erinnerung finden, die sie sicherlich wieder an den einen oder anderen Prozeß erinnern wird.

So zum Beispiel daran, dass der nächste Morgen die Option bot auch ein Angebot aus dem Zegg zu nutzen. Die Quantum Light Breath Meditation wird hier jeden Samstag morgen im Meditationsraum über der Dorfkneipe angeboten. Dieses Angebot wurde von meinen frühaufstehenden Seminarteilnehmer genutzt und von acht bis neun wurde hier erkenntnis- und gefühlsreich geatmet, was nach dem Frühstück eine gute Vorlage war für die Arbeit des vormittags, die hauptsächlich aus Tanz und Körperwahrnehmung bestand. Wir machten uns im Tanz bekannt mit den verschiedenen Kinesphären(Bewegungsräumen), die es um uns herum gibt. Zunächst bewegten wir uns in unserer inneren Kinesphäre nur für uns, dann dehnten wir uns in die äußere Kinesphäre aus und bemerkten bald, dass sich im Tanz Kinesphären auch überschneiden können. Noch bevor es zu wirklichem Körperkontakt kam, konnten wir mit dieser Art von Kontakt experimentieren.

Und auch wirklichem Körperkontakt verweigerten wir uns nicht. Wir berührten uns auf improvisierte Art, so dass es zu einer Art Kontakt Improvisation wurde. Nicht nur vom Namen lag diese Art zu Tanzen in der Nähe des bekannten Tanzstils.

Wir tanzten uns zur Ruhe, die auf Matratzen endete, die einen Zwischenraum für Zweierbegegnungen bildete. Jetzt nicht mehr im Blick- dafür aber im Körperkontakt, konnten wir wieder spüren, was unser Gegenüberkörper brauchte. Der musste aber auch nicht ganz passiv bleiben, sondern war erlaubt zu reden und zu bewegen, sodass er für seine Bedürfnisse im Kontakt gehen konnte.
Nachdem dieser spezielle Tanz zu zweit auf der Matratze zu Ende war, schien die Oktobersonne so intensiv in den Raum, dass ich die Teilnehmer für ein Nachklingen und Besprechen hinaus in einen Sonnenspaziergang schickte.

Der Nachmittag war der Verwandlung gewidmet. Zunächst verwandelten wir uns alle mit geschlossenen Augen in Delphine, die keine Hände zum Greifen mehr hatten, sondern nur noch Flossen. Wir standen oder besser schwammen alle so eng beisammen, weil wir immer den Körperkontakt zu einem anderen Delphin halten wollten. Lange ging unsere Reise auf diese Art und wir lernten immer wieder mehr Körper von verschiedenen Mitdelphinen kennen, entspannten uns immer mehr darhinein. Bis unser Körperberührungsbedürfnis fürs erste einmal gestillt war.

Anschließend war der Verwandlungsraum Forum angesagt. Einzelne hatten in der Mitte die Möglichkeit ihre Umgehensweise mit Kontakt und den darin fließenden Übergängen zu beleuchten. Das Licht in diese Bereiche unseres Seins zu bringen, verändert uns immer wieder. Sanft aber unweigerlich. Auch wenn wir immer noch in dem Paradigma Satres leben in dem: Der Blick des anderen der Tod meiner Möglichkeiten ist. Beginnen wir zu erkennen wie entspannend es sein kann einfach nur man selbst zu sein. Keine Rollen mehr spielen zu müssen und vielleicht gar mit seinen Unvollkommenheiten in Kontakt gehen zu können.
Diese Übung, die schon Teil meines Vormittags zum Thema Kontakt Silvester 2009 war (Marcus von Schmude inszenierte sie seinerzeit als einen alchemischen Kontaktprozeß), fand hier wieder einen passenden Platz.
Sowie ich dies nicht geplant hatte, so war auch das ganze Seminar nicht fix. Es gab einen roten Faden, der immer wieder die Ausrichtung gab für mögliche Übungen, aber es gab keinen festen Fahrplan. Vielmehr nahmen wir uns, ganz im Sinne von Zwischenräumen, immer wieder die Zeit zu erspüren, welche Art von Übungen aus dem Werkzeugkasten denn jetzt gerade eingefügt werden sollte.

Der Abend war dem Feiern gewidmet. Es war spürbar, dass die Impulse, die den Tag über eingeflossen waren, Zeit brauchten verarbeitet zu werden. Neue Menschen, besondere Situationen und das kennenlernen eines ganz bestimmten Menschen, stellten die Fülle des Abends zur Verfügung aus der wir schöpften. Dieser eine Mensch, den viele von uns besser kennenlernten, der uns immer vertrauter wurde, auch wenn wir ihn schon lange zu kennen glaubten, dieser eine Mensch war jeder für sich selbst. Ich fühlte es so, wie ich es zuvor in einem Gedicht beschrieben hatte.

Unbeschreibl(Ich)

Ich kehre zurück
aus der Ferne
Dorthin, wo ich schon lange
nicht mehr war

zu mir

 

Freier Tanz und freie Begegnung schlossen den Abend ab.
Der Sonntag vormittag war ganz der Integration des Erlebten gewidmet. Wir eröffneten noch mal unsere Mitte, damit sie im Forum von Einzelnen genutzt werden konnte. Wieder waren die Themen vielfältig, aber erinnerlich war mir doch die Freiheit, die mit einem mal in der Mitte stand.
Grade in wirklichem intensiven Kontakt ist die Freiheit ein wichtiger Faktor. Es zeigte sich die Erkenntnis, dass Personen vielleicht grade deswegen nicht in Kontakt gehen, weil sie fürchten ihre Freiheit dadurch zu verlieren. Wenn man einmal im Kontakt gefangen ist, hat man vielleicht nicht mehr die Möglichkeit nein zu sagen. Wenn man einer bestimmten Form von Kontakt zugestimmt hat, muss man vielleicht später Weiterführungen des Kontakts zustimmen, zu denen man so noch nicht bereit ist. Kontakte werden vielleicht deswegen nicht eingegangen, weil eine Person befürchtet sie habe nicht mir die Möglichkeit nein zu sagen, wenn man schon mal in einer Spur ist
Und welche Freiheit kann entstehen, wenn die Person erkennt, dass sie gar nicht erst in eine Spur kommen muss. Die Freiheit immer wieder, zu jederzeit im Kontakt nein sagen zu können, erlaubt vielleicht erst ein Ja zum Kontakt zu finden.
Kreativ wie wir waren, kreierten wir aus dieser Erkenntnis gleich eine Übung in der es nur darum ging

Nein zu sagen, das Nein zu hören, es zu nehmen und damit zu sein.
Die erstaunlichste Erkenntnis daraus war wohl, dass ein Nein gar nicht so schlimm sein muss. Das ein Nein nicht unbedingt das Ende eines Kontaktes darstellt. Das ein Nein ebenso genommen oder abgelehnt werden kann, wie ein Ja und das es nur wirklich authentisch weitergehen kann, wenn das Nein wirklich hereingebeten wird.
Ich möchte ein paar Absätze machen, damit es ein wenig Zeit gibt für diese Worte zu wirken.

 

 

 

 

Glücklicherweise hatten wir noch einen Klangkünstler im Seminar, der uns mit selbstgebauten Instrumenten und ihren Klängen verwöhnen konnte. Diese gefielen mir so gut, dass ich ernsthaft überlege diese Art von musikalischen Spielen in die nächsten Seminare mit einfließen zu lassen.

 


Und so entwickelt sich Übergänge und Zwischenräume immer weiter. Mit meinem Team zu dem ich die Teilnehmer am Anfang machte, habe ich ein tolles Wochenende erlebt. Ich hatte qualifizierte Mitarbeiter, die mich beglückten und unterstützten im Schaukeln des Übergangsschiffes. Die immer wieder im Hafen des Kontakts anlegten. Und die hoffentlich viel mit nach Hause nahmen und die Zwischenräume nun auch in ihrem Leben und Alltag einbringen werden.
Ich danke allen Menschen, die an der Vorbereitung und Durchführung des Seminars beteiligt waren und freue mich schon darauf die nächsten zu machen.


Zwischräumliche Grüße Markus
 

 


 

 

 


Du kannst alles erreichen was du willst ...
Es mag allerdings sein, dass du dich dafür anstrengen musst.

Last update: 7.9.2017